Es ist Sommer, es ist heiß! Ich liege auf meiner Decke, neben mir der Schorsch – vertieft in sein blödes Wischdingens. Manchmal lacht er laut auf, ab und zu kommt ein „Ja, sauber …“ und dann plötzlich ein „So ein Kaliber …“. Mir ist langweilig, er ignoriert mich komplett. Nicht mal meine bösen Blicke und mein tiefes Knurren kriegt er mit!Ich steh demonstrativ auf, gähne laut und strecke meinen Popo in sein Sichtfeld. Jetzt wird er endlich auf mich aufmerksam.
„Geh, Xaver, nimm deinen Arsch da weg, ich seh ja gar ned mehr, was in der Welt so los ist!“ Hä? Wie meint er jetzt das? Mach halt die Augen auf, dann siehst, was los ist! Zum Beispiel, dass mir langweilig ist oder dass der alte Huber vom dritten Stock sich plagt, mit seinem Geh-Wagerl aus der Tür zu kommen. Ich knurre, tief und – meiner Meinung nach – sehr eindrucksvoll. Fehlanzeige, er ignoriert mich einfach! Beleidigt stapfe ich davon – und laufe geradewegs in mein Verderben.
Vor mir stehen zwei ganz Verliebte: meine Franzi und der arrogante Egon. Der lächelt hämisch und meint, ob ich endlich das perfekte Match gefunden habe. Was ist denn das schon wieder? Ich sage nur, dass ich lieber sauber bleibe. Matsch ist nicht gut für mein Fell. Da grinst er ganz fies und die Franzi lacht so laut, dass ich meine, ich habe einen Tinnitus.
Gott sei Dank kommt da die Trixi ums Eck und ich lauf ihr freudig entgegen. Aber sie hat keine Zeit – mal wieder – und murmelt nur was von einem perfekten Reel, dass ihr Frauchen von ihr machen will, um viral zu gehen. Da halt ich mal lieber Abstand. Mit so einem Virus ist ja nicht zu spaßen.
Was ist nur mit der Welt los? Jeder will perfekt sein und starrt stundenlang in ein Wischdingens, um zu lernen, wie man das macht? Ich trotte ratlos weiter und leg mich in den Schatten unter eine Bank. Nach einiger Zeit kommt der alte Huber mit seinem Geh-Wagerl. Als er mich sieht, setzt er sich auf die Bank und krault meine Ohren. „Gell, Xaver, heiß ist es und dir ist bestimmt langweilig!“
Endlich einer, der mich sieht und versteht – auch ohne Wischdingens. Der Huber, der weiß halt, was in der Welt vor sich geht. Da braucht er den Schmarrn gar nicht. Ich kuschel mich an sein Bein und er freut sich saumäßig darüber und krault mich weiter. Und während ich ganz entspannt herumliege, beobachte ich die Menschen, die vorbeigehen. Fast jeder hat ein Wischdingens.
Einer hält es ganz komisch vor sich, als würde er gleich hineinbeißen. Tut er aber nicht. Er spricht hinein, aber es kommt keine Antwort heraus. Die Nächste hat Stöpsel im Ohr und wischt wie verrück so dass sie den Radlfahrer übersieht, in dem sie direkt reinläuft. Der schimpft und schreit, aber das Mädel geht einfach weiter. Vielleicht hat sie Probleme mit den Ohren? Das würde auch die Stöpsel erklären.
Ein junges Pärchen nähert sich, beide sind mit einem Wischdingens bewaffnet. Als die beiden den alten Huber und mich so entspannt auf der Bank sehen, plärrt sie los: „Oh Digga, schau mal, voll delulu, wie die dasitzen, voll weird.“ Jetzt werde ich aber grantig. Ich bin doch kein Dicker! Empört springe ich auf und knurre aus tiefster Seele. „Boah, was is’n das jetzt, voll random! Musst du filmen!“ Das Mädel zieht ihr Wischdingens aus der Tasche, richtet es auf mich und drückt ab – das dachte ich zumindest. In Todesangst springe ich aus dem Stand hoch und reiß ihr das Wischdingens aus der Hand. Sie kreischt und ich renne los!
Mit dem Drum im Maul lege ich einen Sprint hin, dass es nur so staubt! Hinter mir höre ich lautes Geschrei und an der Hausecke bekomme ich irgendwie die Kurve nicht so ganz. Das Wischdingens fliegt im hohen Bogen auf die Straße und wird von der Buslinie 54 gnadenlos überwalzt.Ich dreh mich kurz um und sehe, wie das Mädel bitter weint und der Junge mit seinem Wischdingens um sie herumspringt.Jetzt tut sie mir aber schon leid und ich schau, dass ich schnell den Schauplatz des Geschehens verlasse.
Durch die Seitengasse schleiche ich mich heim in meinen Hinterhof. Dort wartet der Schorsch auch schon auf mich. „Xaver, wo warst du denn? Ich hab mir schon Sorgen gemacht!“ Aha! Nachdem ich so ignoriert worden bin, hoff ich, dass seine Sorgen groß waren! Hoch erhobenen Hauptes stolziere ich an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. „Ach Xaver, jetzt sei doch nicht beleidigt mit mir. Ich hab halt a bissal geschaut, was es so Neues gibt auf der Welt.“
Soso. Ist ja wirklich wichtig zu wissen, ob in Timbuktu ein Känguru von einem Wildschwein gebissen wurde. Wichtiger, als sich um die Sachen um sich herum zu kümmern. Der alte Huber hätte sich bestimmt auch gefreut, wenn der Schorsch ihm beim Ausparken mit dem Geh-Wagerl geholfen hätte. Oder ich, wenn er mir a bissal die Ohren gekrault hätte. Beleidigt drehe ich mich weg.
„Du, Xaver, was hast denn wieder angestellt? Du gehst grad viral!“ Entsetzt spring ich auf – wo hab ich mir denn den scheiß Virus eingefangen? Schorsch grinst mich an und hält mir sein Wischdingens vor die Nase. Da läuft ein Video von mir, wie ich aus dem Stand hochspringe, mir das Wischdingens von dem Mädel schnappe und davonrenne.
Halleluja! Dass ich so elegant und sportlich bin, hätte ich mir selber nicht zugetraut! „Das ist grad im Internet hochgeladen worden und hat schon 1.200 Aufrufe – du bist der Star des Tages!“ Schorsch scheint sehr stolz auf mich zu sein und krault mir die Ohren. Ich räkle mich genüsslich auf meiner Decke und schau mir das Video an. Wieder und wieder. Bis mich eine warme Pudelnase anstupst.
Franzi, meine große Hundeliebe, steht vor mir und schaut mich mit großen Augen an. „Ach Xaver, was für ein perfektes Video – so elegant, schnell und mutig von dir. Gehst mit mir zur Isar, um den Sonnenuntergang zu genießen?“ Na, das lass ich mir nicht zweimal sagen!
So graziös wie möglich stehe ich auf und lass den Schorsch da ganz allein hocken. Naja, alleine scheint er ja nicht zu sein. Sein Wischdingens hat er ja schon wieder in der Hand und schaut sich heiße Single-Frauen an. Tja, in der echten Welt hat das ein perfekter Dackel wie ich ja gar nicht nötig!



Freut Euch auf weitere, neue Folgen von Dackel Xaver – handgemacht ganz ohne KI!
#creativissimus