Dackel Xaver hinter Gittern: Die Zwangsräumung

Ich bin der glücklichste Dackel der Welt! Gestern habe ich den Sonnenuntergang mit der Franzi genossen. Romantik pur – und dann kam eines zum anderen… naja – ich glaube zumindest der Egon ist Geschichte! Zufrieden räkle ich mich auf meiner alten Hundedecke als ein lautes Dröhnen meine wohlige Stille stört. Empört springe ich auf und schiele zwischen die zwei Mülleimer hindurch. Vor mir ein Bagger und ein Haufen Bauarbeiter, die meinen schönen Hinterhof den Erdboden gleichmachen. Wütend schieße ich aus meiner Höhle und belle so laut ich kann. Dann kommt die Bissinger ums Eck: „Ja du Drecksvieh, du lumperts! Jetzt ist Schluss, der Hof und die ganze Anlage wird saniert, da braucht`s so ein altes Flohtaxi wie dich ned! Schleich di, aber ganz schnell!“ Ich entkomme gerade noch ihren Besen und flüchte durch die Einfahrt nach draußen.

Da steht der Schorsch mit einem ganz traurigen Gesicht. „Ja Xaver, des war`s dann wohl! Wir haben alle die Kündigung von der Bissinger bekommen und müssen in sechs Monaten raus aus den Wohnungen. Und du musst dich auch schleunigst nach einer neuen Bleibe umschauen.“ Ich bin fassungslos, was meint er denn damit? Winselnd lege ich mich auf seine Füße und schaue ihn mit meinem traurigsten Dackelblick an. „Kernsaniert wird – und dann werden die Wohnungen wieder neu vermietet, natürlich zu ganz anderen Preisen, das kann ich mir dann als Altenpfleger gar nicht mehr leisten.“ Schorsch kullert eine Träne über die Wange, weinen hab ich ihn ja noch nie sehen! Das macht mich saugrantig, wir sind doch hier daheim, das kann uns doch nicht einfach jemand wegnehmen? Ich jaule auf und renne im Dackelgalopp wieder zurück in den Hinterhof um mein Revier zu verteidigen. Da ist sie wieder, die Bissinger mit ihrem Besen und ihrem blöden Grinsen, die ist doch überhaupt an allem Schuld! Die Wut kocht in mir hoch, ich nehme Anlauf und pack Sie an ihrem dicken Wad`l und beiß genussvoll zu. Sie brüllt wie am Spieß und zappelt, aber ich lass nicht los. Irgendwann kommt jemand, zerrt mich weg und steckt mich in eine ganz komische Kapsel. Vor mir geht ein Gitter runter und ich bin eingesperrt. Plötzlich fängt sich das Ding zu bewegen an, ich werde weggeschleppt – weg von meinem dahoam?! Ich höre noch Schorsch nach mir schreien, dann werde ich in einem Lieferwagen verladen, wie eine Kommode die keiner mehr braucht. Im Dunkeln und ganz alleine werde ich von links nach rechts geschmissen, mir wird langsam schlecht. Endlich hält der Kastenwagen an und die Türe geht auf. Verwirrt blinzle ich ins Sonnenlicht, aber nicht lange, ein riesiger, fleischiger Mann mit buschigen Augenbrauen und Armen aus Stahl zerrt mit samt Box raus. „So, du Bazi, jetzt bist da wos`d hingehörst. Kannst doch nicht einfach durch die Straßen rennen und die Leut beissen, jetzt wirst erstmal untersucht und dann kommst in Quarantäne.“

Ich zittere am ganzen Körper, das kann doch alles nicht wahr sein! Ich hab doch blos a bissal zwickt, das ist doch kein Kapitalverbrechen, oder? Und außerdem war ich ja quasi nicht zurechnungsfähig, der Schock hat mich halt einfach ausrasten lassen. Ich plädiere auf unschuldig! Das werde ich dem Haftrichter auch sagen, jawohl. Bockig hock ich in meinem Käfig und starre grantig vor mich hin während ich schaukelnd durch Gänge getragen werde. Dann stellt der fleischige Mann mich in einem recht ungemütlichen Raum ab und geht. Es riecht komisch und überall liegt Besteck rum. Vielleicht bin ich in einer Gaststätte gelandet? Oh Gott, hoffentlich nicht bei einem Chinesen, die essen doch Hunde!? Mir wird heiß und kalt und ich fange leise zu wimmern an. Da kommt jemand die Türe rein, vor mir steht die schönste Frau, die ich je gesehen hab. Naja, viel hab ich ehrlich gesagt noch nicht gesehen. Bei mir im Viertel waren halt viele, die die besten Zeiten schon hinter sich hatten. Sie lächelt mich an, grüne, sanfte Augen, braunes Haar und wilde Locken. Ganz sanft holt sie mich aus meinem Käfig, streichelt mir über den Kopf und sagt: „So du kleiner Schlawiner, jetzt schauen wir mal ob es dir gut geht!“ Ich entspanne mich langsam und blinzle sie müde an. Sie setz mich auf einen ziemlich ungemütlichen Tisch aus Stahl und hält mich mit einem Griff, der sanft aber entschlossen ist, fest. Plötzlich steckt sie mir was hinten rein – pfui deifi, was soll das?! Ich jaule leise auf und erhasche einen Blick nach hinten, das darf doch nicht wahr sein: In mir steckt ein Thermometer!!! Also doch ein chinesisches Schnellrestaurant, sie errechnet wohl grad meine Garzeit! Was mach ich denn nur? Ich versuche mich zu befreien, aber die hält mich erstaunlich fest. Jetzt zieht Sie das Thermometer aus mir raus, gottseidank! Aber es ist noch nicht vorbei: Sie schnappt sich das restliche Besteck und inspiziert mich von Kopf bis Fuß, Augen, Ohren und sogar die Nasenlöcher werden gründlich untersucht. Mir reicht es, was nützt es denn seinen Braten so dermaßen zu quälen bevor man ihn in die Pfanne haut? Ich lasse alles einfach nur noch über mich ergehen und denke an Schorsch. Wo ist er denn blos? Warum hilft er mir nicht? Und wie geht es meiner Franzi? Ein fieser Stich in den Nacken reißt mich aus meinen Gedanken und ich zuck zusammen. „So du Zamperl, jetzt hast du es auch schon geschafft, schaust gut aus für dein Alter!“ Also jetzt schlägt es aber dreizehn, ich schau nicht nur gut, sondern absolut umwerfend aus. Und über`s Alter spricht man nicht.

Die Schönheit nimmt mich auf den Arm, streichelt mich noch ein paar Mal und steckt mich in den viel zu engen Käfig zurück. Ich fange an zu winseln und schaue sie flehend an. In dem Moment fliegt die Türe auf und mein Herz setzt vor Glück kurz aus: Schorsch hat mich gefunden! Er sieht erst mich und dann sie, sein Gesicht wird ganz rot und seine Augen riesengroß und irgendwie hat er Atemaussetzer. Oje, hoffentlich hat er sich nix eingefangen, vielleicht war er ja vorher im chinesischen Schnellrestaurant und hat schlechten Hund gegessen. Stumm starrt er Frau Locke an, sie lächelt – zuckersüß und fragt ihn, ob ich sein Hund bin. „Nnnein, so direkt nicht… also ja schon irgendwie… wir leben nicht zusammen, sondern getrennt“. Was hat der denn? Jetzt fängt schon sein Hirn an sich zu zersetzen, man sollte halt einfach beim Schweinsbraten bleiben! Ich jaule auf und werfe ihn einen bösen Blick zu. Dann belle ich, und nochmal, und nochmal. Er wird wieder etwas blasser und das Schnaufen klappt auch schon besser. „Komm Xaver, gehma heim!“

Welches daheim meint er denn? Ich schau ihn traurig an und Frau Locke legt Ihre Hand auf seinen Arm: „Das geht jetzt leider nicht, er muss noch zur Beobachtung bei mir bleiben. Und dann kommt er ins Tierheim, Frau Bissinger hat gesagt, dass er ein Straßenhund ist!“ Jetzt dreht der Schorsch auf: “ Ja Himmelherrgott, die alte Brunskachel hat da gar nix zu sagen, die quält Xaver ja schon seit ich denken kann. Der würd schon lang bei bei mir wohnen, wenn sie es erlauben täte. Aber nein, jetzt gönnt sie ihm nicht mal mehr den ranzigen Hinterhof! Rausgeschmissen hat sie uns alle, und jetzt stehen wir bald auf der Straße!“

Frau Locke schaut traurig und erklärt, dass ich erst noch eine Wurmkur machen muss und sie mich noch von den Flöhen befreit. Dazu muss ich ins Tierheim. Dann kann er mich mitnehmen, aber nur, wenn er einen schönen Platz für mich hat. Ich winsle freudig und spring gegen das Gitter. Frau Locke schaut Schorsch ernst an: „Das tut mir sehr leid, aber das Wohl des Hundes steht an erster Stelle, Xaver bleibt erstmal hier und sie können ihn besuchen, wann immer sie wollen. Wenn alles gut läuft und Sie eine neue Wohnung finden, können sie ihn gerne mitnehmen. Und wenn Sie Fragen haben, dann können Sie mich natürlich anrufen, jederzeit.“ Mit einem sehr verführerischen Lächeln steckt Frau Locke den Schorsch einen Zettel mit Ihrer Telefonnummer in die Brusttasche, streicht ihr Haar zurück und geht.

„Tja Xaver, da müssen wir jetzt durch! Ich muss mich jetzt um eine neue Wohnung kümmern, mit Hund wird das halt auch nicht leichter. Und ich komm dich ganz oft besuchen, gell. Und bring dir was gscheit`s zum Essen mit, brauchst keine Angst zu haben, ich lass dich nicht alleine.“ Dann ist er weg, der Schorsch und ich bleib zurück in meinen Käfig. Heute früh war die Welt noch in Ordnung und ich war der glücklichste Dackel der Welt. Jetzt hock ich im Knast und bekomme eine Wurmkur. Wie wird das nur ausgehen?!