Hach, wie schön ist es denn zu Hause! Trotz Baggerlärm und obwohl ich gerade nicht hinter meinen Mülltonnen hausen kann, fühle ich mich wie im Himmel.“ Schorsch hat mich kurzerhand aufgenommen und meine alte, karierte Decke in den Flur gelegt. Vorerst dürfen wir noch bleiben, aber sobald die Sanierung losgeht, müssen wir raus. Die Bissinger hat sich furchtbar aufgeregt, Hunde seine schließlich in den Wohnungen verboten und mich bissiges Mistvieh will sie schon gleich gar nicht mehr sehen!
Schorsch war das wurscht, aus der Wohnung schmeißen kann sie ihn nicht, weil sie das ja schon gemacht hat. Also leben wir jetzt zu zweit in einer echten Männer-WG. Und genauso schaut es auch aus bei uns! Schorsch lässt seine Wäsche überall liegen, mich stört das jetzt nicht so. Dafür lass ich überall meine Essensreste liegen, als Vorrat für schlechte Zeiten. Das stört aber den Schorsch und wir streiten regelmäßig deswegen. Aber dann trinken wir auf dem Balkon ein gemeinsames Bier und die Sache ist ausgeredet. Manchmal schauen wir gemeinsam in den Fernseher, aber das find ich schon recht langweilig, warum können sich da Menschen stundenlang davorsetzen? Und dann noch diese Nachrichten zwischendrin, da wird es mir ja angst und bange! Können sich nicht einfach alle auf den Balkon setzen, gemeinsam was trinken und einfach das Leben genießen?
Es klappert und der Schorsch kommt rein, mit einem freudigen Gesicht: „Komm Xaver, wir haben einige Wohnungsbesichtigungen heute, da musst du mit.“ Ich gähne demonstrativ und strecke mich zwischen seinen alten Socken genussvoll aus. Wir haben knapp 50 Wohnungen in den letzten zwei Wochen angeschaut. Teilweise waren wir angestanden um überhaupt mal reingehen zu können. Dann gab es Verhöre, wo alles unter die Lupe genommen wurde: Was Schorsch verdient, ob er in einer Beziehung ist, warum er alleine ist, warum er überhaupt umzieht… Eigentlich geht denen das doch gar nix an? Und als sie mich gesehen haben war es eh vorbei. Nö, da hab ich wirklich keine Lust drauf. „Nix da, brauchst dich gar nicht umdrehen, es geht auch um dich! Und außerdem hab ich mir gedacht, wenn wir schon das Leben verändern, dann gscheid! Wir fahren jetzt mit der S-Bahn nach Sauerlach, da gibt es einen wunderschönen Bauernhof. Der vermietet Wohnungen – und Hunde sind auch erlaubt!“
Wie bitte? Ich bin ein Stadthund – was soll ich denn auf dem Land? Nein, auf keinen Fall mach ich das, da wohn ich ja noch lieber im Münchner Osten! Ich jaule kurz auf und verzieh mich unter das Sofa. Schorsch hasst es, wenn ich mich da verstecke. Umso weniger bin ich überrascht, als er mich einfach am Genick schnappt, unter den Arm klemmt und zur Haustür rausgeht. Ich hab noch eine seiner getragenen Socken im Maul, das ist ihm egal. Gelangweilt kaue ich darauf herum und vertreib mir so die Zeit in dieser blöden S-Bahn. Nach gefühlt vier Stunden sind wir da. „Hach Xaver, ist doch schee hier, gell. Und die frische Landluft, herrlich!“ Ich atme kurz ein und muss husten: hier stinkt es ja furchtbar! Und dann wandern wir los, ich bin es echt nicht gewohnt, so viel zu laufen!
Nach fünf Minute bin ich atemlos und keuche wie eine alte Diesel-Lok. Was denkt sich Schorsch nur dabei, mich so zu quälen? Endlich sind wir da, ein alter, großer Hof mit einem noch größeren Misthaufen. Ich höre es muhen und schmatzen. Ein paar Hühner gackern durch einen kleinen Garten und aus einem Brunnen plätschert das Wasser. Perfekt, genau das was ich jetzt brauche! Ich nehme Anlauf und lande mit dem Kopf voran in der Pfütze. Herrlich kühl – aber wo ist der Boden? Entsetzt stelle ich fest, dass es nicht die übliche Wasserpfütze aus dem Hinterhof ist, sondern ein tiefes Loch im Boden – und ich kann doch nicht schwimmen! Gurgelnd versuche ich an die Wasseroberfläche zu kommen, aber ich hab völlig die Orientierung verloren. Das war es dann – ich sterbe in einem Wasserloch AUF DEM LAND! Was werden wohl die anderen dazu sagen, wenn sie das erfahren? Und wer bringt das meinen Nachkommen bei? Dann fällt mir ein, dass ich ja gar keine Nachkommen habe! Oh, oh, oh, so viel wollte ich noch erleben, jetzt ist es vorbei!
Zwei Hände packen mich und ich bekomme wieder Luft! Schorsch schaut mich entsetzt an: „Xaver, was machst du denn? Das ist doch ein tiefer Brunnen und keine Pfütze im Hinterhof, da springt ein Nichtschwimmer doch nicht einfach rein!“ Ich röchle leise und spuck etwas Wasser aus, Schorsch haut mir 2mal auf den Rücken und dann fühle ich mich besser.
Vor der Türe liegt ein riesiger Schäferhund. Kritisch schaut er mich an und knurrt: „Wos wuist etz du da?“ In dem Moment komm der Buer mit einer jungen Frau heraus. „Leika, sei staad, die schauen sich die Wohnung an. Grias eich, ich bin der August und des is mei Tochter die Maria.“ Schorsch strahlt übers ganze Gesicht. Typisch, kaum ist ein junges Mädel anwesend, geht`s schon wieder durch mit ihm. Er kann sich halt einfach nicht zurückhalten. Wir gehen über eine knarrende Holztreppe nach oben. Die Wohnung ist unter dem Dach, es ist heiß. „Schau Xaver, da gibt`s einen großen Balkon, da können wir dann immer Bier gemeinsam trinken. Und in die schöne Landschaft schauen. Und die Küche gehört dazu, da ist sogar noch ein Holzofen drin. Da können wir gemeinsam in den Wald gehen und uns was sammeln.“ Ja, ist denn der total übergeschnappt? Ich geh doch nicht auch noch in den Wald! Und Holz sammeln tu ich schon gleich gar nicht, ich will eine Fußbodenheizung! Und die schöne Landschaft, in die er schauen will, ist der Misthaufen direkt unter dem Balkon mit einem riesigen Gockel drauf, der mich blöd anglotzt.
Begeistert lässt sich Schorsch von der Maria durch die Wohnung führen. Überall kracht es, der Boden ist auch aus Holz und ich reiß mir gleich einen Splitter ein. Ich winsle laut auf – Schorsch hört nix weil er mit der Maria flirtet. Ich winsle lauter und wesentlich dramatischer, endlich hat er es kapiert. „Mei Xaver, wart schnell, ich hol was zum rausziehen. Maria, hast du eine Pinzette?“ Maria schaut auf meine Pfote, packt unsanft den Splitter und reißt ihm mit einem Ruck raus. Ich jaule laut auf, Schorsch wird bleich. „Um Gottes willen, was machst denn da?“ Obwohl ich gar nichts mehr spüre, jammere ich theatralisch vor mich hin, das wirkt. Schorsch schaut Maria grantig an und die meint nur: „Der soll sich nicht so haben, des tut ned weh. Der spuit dir doch nur was vor!“ Mist, sie hat mich durchschaut! Gottseidank ist Schorsch nicht so schlau. Er packt mich vorsichtig in seine Jacke und geht.
Unten im Hof ist es irgendwie anders als vorher, ziemlich nass! August steht vor dem Brunnen und schimpft: „Wo`s für a drum Depp hod denn do den Brunnen mit an oidn Sock’n verstopft?“ Ich duck mich tiefer in die Jacke. Schorsch drückt mich fester an sich: „Mist, meine Socke – die hast du wahrscheinlich verloren, als du den sterbenden Schwan im Brunnen gespielt hast. Jetzt aber nix wie weg!“ Wir rennen Richtung Bahnhof und erwischen grad noch eine S-Bahn nach München. Erschöpft lassen wir uns in den Sitz fallen. „Ok Xaver, du hast recht gehabt. So ein Landleben ist vielleicht wirklich nicht das richtige für uns! Wir suchen lieber doch weiter nach einer bezahlbaren Wohnung in München.“ Ich grins in mich hinein, gottseidank sieht er das jetzt dank meiner Hilfe auch ein. Und dass er wegen mir die Maria einfach stehen lässt, das rechne ich ihn schon hoch an.

