Heute ist wieder ein langweiliger Tag hinter Gittern. Seit drei Tagen hock ich schon im Tierheim auf der Quarantänestation. Neben mir eine schlabbrige Dogge die furchtbar schnarcht und schon ein paar Mal rüber gehustet hat. Eddy heißt er glaub ich, sein Fell glänzt und er ist auch sonst sehr adrett. Aber ziemlich fies kann er sein, wann immer es geht stichelt er an mir herum: ich bin zu klein, zu fett, mein Fell ist zu strubbelig und überhaupt hätte ich lieber als Kartoffelsack auf die Welt kommen sollen. Das macht mich schon ein wenig traurig, vielleicht hat er ja recht? Vielleicht hätte die Bissinger ihn nicht so behandelt wie sie mich behandelt hat?
Auf der anderen Seite Hanni, eine schwerhörige Chiwauwau-Dame mit starkem Körpergeruch. Die sagt gar nix – wie auch, sie hört ja nix wenn ich versuche mit ihr zu kommunizieren. Frau Locke kommt jeden Tag zweimal bei uns vorbei, schaut wie es uns geht und streichelt uns. Ansonsten passiert hier nix – gar nix! Wie schön wäre es, sich mal wieder über die Bissinger aufzuregen, den arroganten Egon zu jagen oder die sanfte Nase von Franzi zu spüren. Ach ja… Franzi…. wie es ihr wohl geht?
Die Tür geht auf und Schorsch kommt rein, ich freue mich und renne winselnd an die Gittertüre. „Grias di Xaver, schau, ich hab dir was mitgebracht.“ Hoffnungsvoll schau ich ihn an, vielleicht gibt es ja Schweinsknöcherl? Oder a Wammerl? Das Futter im Tierheim schmeckt nach nix, zu trinken gibt’s auch nur Wasser, so ein Schluck Bier zwischendurch wäre zumindest ein Lichtblick. Ich atme tief ein und warte darauf, den feinen Bratengeruch wahrzunehmen, da kommt aber nix. Stattdessen rieche ich was anderes, was vertrautes – Trixi! Meine liebe, alte Freundin Trixi schnüffelt eifrig durch die Gitterstäbe und ich freu mich unbandig. „Xaver, des tut mir so leid was da passiert ist, ehrlich!“ Oh, das tut gut, bedauern ist genau das, was ich jetzt brauche! Ich schaue sie leidend an. „Trixi, ich freu mich das du da bist, ich vermisse mein dahoam und meine Freunde. Hier ist alles so sauber und langweilig. Wie schön wäre es jetzt bei mir im Hinterhof mit einem frisch von der Bissinger geklautem Steak.“ Trixi kichert und leckt mir sanft mein linkes Ohr. „Bald Xaver, bald kommst wieder zu uns und dann feiern wir das, versprochen!“ Tja, so ganz glaub ich da nicht dran, und wer weiß, wo der Schorsch und ich in Zukunft dann überhaupt wohnen werden. Vielleicht in einem anderen Stadtteil oder noch schlimmer: auf dem Land! Mein Magen dreht sich um nur bei den Gedanken daran. Also schnell das Thema wechseln. „Wie geht es Franzi, hat sie nach mir gefragt?“
Trixi zuckt kurz zusammen, dann schaut sie mich mit großen Augen schon fast verlegen an. „Weißt Xaver, die Franzi ist im Moment viel daheim, man sieht sie kaum mehr!“ Aha, wahrscheinlich vermisst sie mich dermaßen, dass sie sich vor Kummer in ihr Körbchen rollt, nix mehr isst und auch sonst niemanden sehen will. Ich lächle leise vor mich hin. „Sagst ihr, dass ich sie vermissen tu.“
„Du Xaver, das ist jetzt nicht schön aber ich muss es dir sagen. Franzi ist seit gestern Mutter von 4 Welpen“. Mir bleibt die Luft weg, mein Magen wird flau und meine Beinchen fangen an zu zittern. „Was? Wer war das? Egon?“ Trixi schleckt mir beruhigend über meine zitternde Pfote. „Nein Xaver, von Mr. Styles, ein reinrassiger Pudel aus Bogenhausen“. Wer zum Teufel ist Mr. Styles? Und was ist das für ein bescheuerter Name? Und überhaupt, was hat der mit meiner Franzi zu tun? Und vor allem: WANN war das? „Wir waren doch vor fünf Tagen noch gemeinsam an der Isar! Da war sie nicht so gschamig. Und dabei war sie scheinbar schon hochschwanger – und ich hab’s nicht bemerkt?!“
„Schau Xaver, die Franzi ist halt a bissal a Schickeria-Tussi. Die ist jedes Wochenende mit ihrem Herrchen in Bogenhausen und dann gehen sie dort spazieren – und Mr. Styles ist auch immer dabei. Und die Welpen sind halt reinrassig, deswegen hat ihr Herrchen auch gar nix dagegen. Die werden jetzt dann für viel Geld an andere Züchter verkauft!“
Jetzt schlägt es aber dreizehn – sie verkauft ihre Kinder??? So eine greisliche Matz, und gesagt hat sie mir auch nix davon. Ich merke, wie die Wut in mir hochsteigt, meine Zähne fangen zu knirschen an. Der Schorsch merkt auch gleich, dass etwas nicht stimmt. „Oje Trixi, hast du es ihm gesagt? Xaver, sei froh das du den Flietscherl-Pudel los bist, der war schon immer so, du hast es nur vor lauter Leidenschaft nicht gesehen!“ Wahrscheinlich hat er recht, der Schorsch – trotzdem ist es, als würde mir jemand grad das Herz einfach rausreißen.
Schorsch bekommt plötzlich einen ganz verträumten Blick, Frau Locke kommt auf uns zu. Aha, hätte ich mir ja denken können, da schwebt einer auf Wolke sieben, wie schön für ihn! „Servus Lissy, ich besuch grad den Xaver und hab ihn eine Freundin mitgebracht.“ Trixi wedelt erfreut mit ihrem Schwanz und schnüffelt interessiert an Frau Locke. Ich warne sie: „Pst, Trixi – pass gut auf, die steckt dir ein Thermometer hinten rein, so schnell schaust du gar nicht!“
Grad als Frau Locke, die scheinbar in Wirklichkeit Lissy heißt, Trixi streicheln will, zieht die den Schwanz ein und versteckt sich hinter Schorsch. „Ja du bist ja eine Schöne, warum hast du denn so Angst vor mir?“ Frau Locke zieht ein Leckerli aus der Tasche und Trixi stürmt erfreut drauf zu. „Hast des gehört Xaver, schön bin ich hat sie gesagt, so eine liebe Frau!“ Das finde ich aktuell gar nicht, sie schmachtet meinen Schorsch an, lockt meine Freundin Trixi mit billigen Leckerlies und mir verpasst sie täglich ein Zäpfchen, herzlichen Dank! Hübsch ist sie ja, das will ich nicht bezweifeln, aber hübsch ist Franzi auch. Und da hab ich ja gesehen was rausgekommen ist: Untreue und Verrat!
Ich knurre und werfe böse Blicke auf Lissy, alias Frau Locke. „Also Schorsch, ich weiß ja nicht, was in Xaver vorgeht. Eigentlich ist er gesund und wir könnten ihn bald entlassen. Aber ich habe das Gefühl, das er eine Anti-Aggressionstherapie braucht, ich werde ihn mal in eine Sitzung schicken. Heiliger Bimbam, was denn noch alles? Ich will einfach nur wieder hinter die Mülltonnen in meinem ranzigen Hinterhof, a bissal strawanzen und a paar Mülltonnen ausräumen. Mehr nicht! Angsterfüllt schaue ich Schorsch an, gottseidank kapiert er was da grad los ist. „Lissy, sei mir nicht bös aber der Xaver braucht keine Therapie! Der braucht seine zu Hause, seine Freunde und seine Ruh, dann ist er auch wieder ganz friedlich.“ Frau Locke formt einen perfekten Schmollmund und sagt spitz: „Naja, dann schauen wir halt mal wie lange es dauert, bis er wieder eigeliefert wird. Nimm ihn mit heim und du wirst schon sehen, was passiert. Und denk dran – eine neue, feste Wohnung ist die Voraussetzung dafür, dass er auch wirklich bei dir bleiben darf“
Und weg ist sie – freudig steh ich an der Gittertür und warte, bis Schorsch sie öffnet. Beim gehen dreh ich mich nochmal zu Eddy um und sag: Der Kartoffelsack geht jetzt in seinen Keller zurück – UND DU BLEIBST HIER, pfiat di! Schorsch grinst mich an und Trixi stubst mich liebevoll mit ihrer Schnauze. Wer braucht schon Franzi wenn man solche Freunde haben kann!



Erfahrt schon bald wie es weitergeht mit Xaver und Schorsch – eine neue Geschichte ist schon geschrieben und wartet nur darauf, noch illustriert zu werden!